
Als ich 1977 vor die schwierige Entscheidung gestellt wurde, die Ernennung zum Erzbischof von Mnchen und Freising anzunehmen oder nicht eine Ernennung, die mich aus meiner gewohnten Ttigkeit als Universittslehrer herausholte in neue Aufgaben und Verantwortungen , da habe ich sehr nachgedacht, mich dann gerade an diesen Bren erinnert und an die Interpretation, die der heilige Augustinus den Versen 22 und 23 von Psalm 72 in seiner ganz hnlichen Situation bei seiner Priester- und Bischofsweihe entwickelt und spter in seinen Psalmenpredigten niedergelegt hat. In diesem Psalm fragt sich der Psalmist, warum es den schlechten Menschen dieser Welt oft so gut geht und warum es so vielen guten Menschen in der Welt so schlecht geht. Dann sagt der Psalmist: Ich war dumm, wie ich nachdachte, ich war wie ein Stck Vieh vor dir, aber dann bin ich in den Tempel hineingegangen und habe gewusst, dass ich gerade in meinen Nten ganz nah bei dir bin und dass du immer mit mir bist. Augustinus hat diesen Psalm mit Liebe immer wieder aufgenommen und hat in diesem Wort "Ich war wie ein Vieh vor dir" "iumentum" im Lateinischen die Bezeichnung fr die Zugtiere gesehen, die damals in der Landwirtschaft in Nordafrika blich waren, und er hat sich selbst in dieser Bezeichnung "iumentum", Lasttier Gottes wieder erkannt, sich selbst darin gesehen als einer, der unter der Last seines Auftrages der "sarcina episcopalis" steht. Er hatte von sich aus das Leben eines Gelehrten gewhlt und war, wie er dann sagt, von Gott zum "Zugtier" bestimmt worden zum braven Ochsen, der den Pflug im Acker Gottes zieht; die schwere Arbeit tut, die ihm aufgetragen wird, und dann erkennt: Gerade so bin ich ganz nahe bei Gott, dann diene ich ihm unmittelbar fr das Errichten seines Reiches, fr das Bauen der Kirche.
Auf dem Hintergrund der Gedanken des Bischofs von Hippo ermutigt mich der Br immer neu, meinen Dienst mit Freude und Zuversicht zu tun vor dreiig Jahren wie auch nun in meiner neuen Aufgabe und Tag fr Tag mein Ja zu Gott zu sagen: Ein Lasttier bin ich fr dich geworden, doch gerade so bin ich "immer bei dir" (Ps 72,23). Der Br des heiligen Korbinian wurde in Rom freigelassen. In meinem Fall hat der Herr anders entschieden.
Der Mensch, der sich vollkommen in die Haende des Herrn uebergibt, wird keine Marionette Gottes, keine langweilige, angepasste Person; er verliert seine Freiheit nicht. Nur der Mensch, der sich ganz Gott anvertraut, findet die wahre Freiheit, die grosse und schoepferische Weite der Freiheit und des Guten.
(Benedikt XVI, 08. 12. 2005)

